„Was ich immer schon sagen wollte…“

1. Februar 2018

Ein Beitrag zur außerordentlichen Vorlesung „Was ich immer schon sagen wollte…“ von Johannes Daniel.

 

Quo vadis Architekturstudent? – Quo vadis Architekturdozent? 

Ein antiker Kollege von uns allen bezeichnete die Architektur einmal als MUTTER ALLER KÜNSTE.

Kein geringerer als Vitruv prägte diese Worte.

Doch nehmen wir diese Worte heute noch wahr?

Diese Frage sollte sich jeder hier im Raum einmal stellen.

Sind wir Studierende der Architektur uns dieser Worte noch bewusst und handeln wir danach? Und was ist eigentlich unser Ziel im Architekturstudium? Machen wir lediglich Dienst nach Vorschrift und hoffen nach Abgabe einfach nur auf eine passable Note im LSF um irgendwie den Schnitt zu halten?

Oder verstehen wir, dass das Fach Architektur, die Mutter aller Künste, mehr sein kann als stupides Studieren?

Ich denke gerade wir Studierende sollten jede Semesterübung, jeden Stegreif, jedes Integrierte Projekt nicht als Punktelieferant oder notwendiges Übel sondern als Chance annehmen.

Eine Chance Neues auszuprobieren, Eine Chance über den Tellerrand hinaus zu schauen um den eigenen gestalterischen und architektonischen Horizont Stück für Stück zu erweitern.

Meine persönliche Erfahrung ist, dass sich das Architekturstudium dafür hervorragend eignet.

Kunstseminare und -ausstellungen, Theaterworkshops, Vorträge und Diskussionen zu kulturellen Themen und sogar gute Architektur…all das gibt es auch hier im oftmals verschlafenen Siegerland.

Nutzt diese Angebote, auch wenn sie nicht direkt mit Architektur in Verbindung stehen!

Schließt euch zusammen und macht private Exkursionen, schaut euch Messen und Firmen an!

Früher oder später wird ganz sicher zumindest der ein oder andere aufgeschnappte Gedanke, eine Idee oder ein geführtes Gespräch auch im Studium oder im späteren Beruf von Nutzen sein.

Oftmals entstehen dadurch aber auch ganz neue Neigungen und Interessen, welche neue Wege und Möglichkeiten aufzeigen können.

Motiviert Euch gegenseitig und nehmt diese Chancen wahr, unser Studium ist eines der Spannendsten und Vielfältigsten überhaupt!

Leider ist meine Erfahrung aus über einem Jahr Hilfstätigkeit in der Lehre bei Professorin Wirtz aber auch, dass das Potential, welches unser Studiengang birgt, nur sehr selten genutzt wird.

Außerhalb der universitären Räumlichkeiten spielt das Studium anscheinend keinerlei Rolle, was sich stark in uninspirierten und lieblosen Abgaben widerspiegelt.

Sei es aus mangelndem Interesse, Überforderung oder anderen Gründen.

Daher der Appell an Alle: Lieb es oder lass es! 

Wer nicht für die Vielfalt der Architektur brennt oder die Begeisterung, die andere Kommilitonen für ein Projekt an den Tag legen, nicht spürt, hat in diesem Berufsfeld sehr wahrscheinlich wenig Freude.

Doch ich möchte mich auch an die anwesenden Dozierenden wenden.

Auch bei Ihnen stellt sich die Frage, ob Vitruv´s Worte zu Eingang und die angesprochene Begeisterung für Architektur noch bei Allen so präsent sind, wie es vielleicht einmal der Fall war oder ob Bürokratie und Routine, das Brennen für diesen Beruf zumindest ein wenig erloschen haben.

Mir steht es in meiner Position in keiner Weise zu, an dieser Stelle das Kollegium zurechtzuweisen, dennoch möchte ich einige Worte zu diesem Aspekt verlieren:

Aus Gründen des Leistungs- und des gesellschaftlichen Drucks sind wir Studierende heutzutage generell wesentlich „zahmer“ als es noch vor einigen Jahrzehnten der Fall war. Hochschulpolitisches Engagement und kritisches Hinterfragen der Lehre findet kaum noch statt, obwohl dies enorm wichtig wäre um die Arbeit von Dozierenden fundiert zu bewerten.

Die letzte großangelegte Demonstration von Studierenden in Deutschland fand 2009 statt und auch in unserem kleinen Departement gibt es von unserer Seite zu wenig bis kein Aufbegehren gegenüber vorhandenen Defiziten.

Dies ist zweifellos bedauerlich und sollte Ihrerseits kein Freifahrtschein für Alltagstrott, uninspirierte Lehre und das völlige Niederlegen von Selbstreflexion sein. Vielmehr sollte es nun Bedürfnis und Aufgabe der Dozierenden sein gemeinsam das Feuer für Architektur und Studium in den Studierenden wieder zu wecken und Ihre eigene Begeisterung für dieses tolle Studienfach teilen zu wollen.

Dozierende sind keine Dienstleister, dies ist völlig klar!

Jedoch wäre es wünschenswert in Zukunft engagierte Studierende und Dozierende zu beobachten, die motiviert verschiedenste Projekte gemeinsam und interdisziplinär vorantreiben, vielleicht sogar über den geforderten Rahmen hinaus.

Architektur lässt sich zum Glück nur sehr schlecht in ein vorgefertigtes Schema pressen.

Ich bin mir sehr sicher, dass es nicht viel braucht die schlummernde Begeisterung, Motivation und Eigeninitiative vieler Studierender durch eine mitreißende und strukturierte Lehre zu wecken.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass man als Student mit wenig architektonischer Vorerfahrung sehr schnell aus seinem kreativen Tiefschlaf geweckt werden kann und zu Vielem fähig ist.

Dies sollte allerdings besser früh als spät geschehen!

Richard Meier prägte einmal den Satz:

“Architektur ist im Idealfall immer direkte Auseinandersetzung mit den Menschen!“

Richard Meier mag diese Worte anders gemeint haben, aber ich bin der Meinung, dass es dem Studiengang Architektur an dieser Universität guttäte, wenn Dozierende sowie Studierende sich mehr mit Ihrem jeweiligen Gegenüber und der komplexen Vielfalt der Architektur auseinandersetzen würden, um gemeinsam den Weg zu einem engeren und angenehmeren Miteinander und besserer Architektur zu ebnen.

Von Johannes Daniel (SHK im Lehrgebiet Baukonstruktion und Entwerfen) Januar 2018