Kein Pardon für den Prälatenbunker | DER RAUM IM „DAZWISCHEN“

3. Oktober 2013

DER RAUM IM DAZWISCHEN – EINE ANDERE PERSPEKTIVE DES KURIENHAUSES

„Die Zukunft des Kurienhauses ist umstritten. Die Frage, ob das Gebäude abgerissen und das Grundstück neu bespielt werden soll oder ob das Haus als Denkmal und Teil der Geschichte Kölns bestehen bleiben soll bewegt sich in Diskursen der Politik, der Wirtschaft und Kultur. Untereinander sowie auch innerhalb dieser Diskursfelder gibt es verschiedene Standpunkte. Die ehemalige Identität des Kurienhauses und seiner Umgebung ist zu einer „Heterotopie“ nach Michel Foucault geworden. Der Raum im und um das Kurienhaus ist ein mehrfacher; er ist kultureller Raum, wirtschaftlicher Raum, Wohnraum und Projektionsraum für diverse Ideen, Entwürfe und Stadtplanungen.

Eine konventionelle Herangehensweise mit einem konzeptuellen Entwurf für ein neues Gebäude auf einer vorgeblichen Tabula rasa wäre verkehrt, denn „wir leben, wir sterben und wir lieben nicht auf einem rechteckigen Blatt Papier. Wir leben, wir sterben und wir lieben in einem gegliederten, vielfach unterteilten Raum mit hellen und dunklen Bereichen, mit unterschiedlichen Ebenen, Stufen, Vertiefungen und Vorsprüngen, mit harten und weichen, leicht zu durchdringenden, porösen Gebieten.“ (Foucault: Die Heterotopien, Suhrkamp 2013, S. 9, 10.) Das, was die Diskussion um das Kurienhaus benötigt, ist ein Perspektivwechsel.

Ziel dieser Arbeit ist es, diesen neuen Blickwinkel zu schaffen. Nicht konkrete Raumprogramme und funktionale Lösungen stehen im Vordergrund, sondern formale und ästhetische Überlegungen. Es geht darum, einen neuen Raum für neue Sichtweisen zu schaffen, möglichst unabhängig von historischen Vorbedingungen und stagnierten Definitionen. „Es geht also nicht so sehr um die Geschichte der Vergangenheit […], sondern um den gegenwärtigen narrativen Diskurs. Es ist ein Raum des Dialogs, des Kampfes, der Konstruktion.“ (Brooks: Psychoanalytic Constructions and Narrative Meaning, S. 57, 62 ff.)

Zu Beginn soll eine Definition des Begriffs Stadt(-raum) erfolgen. Die Analyse der städtebaulichen Entwicklung Kölns und des Umkreises des Kurienhauses soll Aufschluss über die Diskurse und historischen Einflüsse geben, die das Kurienhaus umgeben. Was eine Stadt ist, scheint jeder zu wissen. Was anders sollte es sein, als eine große Siedlung die in spezifische Raumzonen unterteilt ist. Laut Michel Foucault ist  Stadt(Raum) in verschiedene spezifische Zonen unterteilt: Durchgangszonen, z.B. Straßen, Bahnhöfe, Ruhezonen, wie Cafés und Hotels oder geschlossene Zonen, wie das Zuhause, Wohnungen etc. Zu diesen Räumen gibt es entsprechende „Negationen“, die „Gegenräume“. Gegenräume sind Orte, die das Programm bestimmter funktionaler Räume umkehren oder ausgleichen. Sie sind „Systeme der Öffnung und Abschließung“, sie erschaffen „Illusionen“ und Utopien und stellen dadurch andere Räume in Frage.

Dieses Prinzip der Gegenräume soll helfen, das Wesen des Kurienhauses neu zu begreifen und sich auch einmal in die Perspektive der Gegenposition zu versetzen und in den Dialog zu treten.

Unser Gegenraum ist hier das große Atrium des Kurienhauses. Ein Atrium kann als eine Zone der Ruhe, des Zusammentreffens oder der Natur begriffen werden und wäre somit ähnlich wie ein Garten ein Gegenraum zu den restlichen funktionalen Wohnräumen des Gebäudes. Das Atrium könnte auch als Nicht-Ort oder als Illusion eines Ortes bezeichnet werden, da die Funktion dieses Raumes lediglich zugeschrieben und nicht real ist. Es ist ein Dazwischen, zwischen den anderen Räumen, den Zonen der Stadt, den Diskursen und den Funktionen des Kurienhauses und der städtischen Umgebung.

Die Negation der bestehenden Raumordnung des Kurienhauses soll das Atrium ins Zentrum des Dialogs rücken und ihm eine neue Funktion geben. Indem wir den Raum des Kurienhauses um 90 Grad drehen, kehren wir das Verhältnis von Raum und Gegenraum um. Hell wird dunkel, dunkel wird hell, ähnlich einer Dichotomie. Ebenso verhält es sich mit der Statik und der Konstruktion des Gebäudes, Vertikale wird Horizontale, Wände werden zu Decken, Treppen ändern ihre Richtungen, Zugänge werden verschlossen und neue erschlossen. Der Gegenraum, das zentrale Atrium, wird nun zum (Haupt-)raum des Gebäude-komplexes, während der Einzelhandel, die Wohnräume und Büroräume , die das Atrium umgeben, ihren Zweck verlieren und zu einem Gegenraum der „Abweichung“ werden um den neue geschafenen Stadtraum zu definieren.“, Tim Maaßen.

Tim Maaßen beschreibt hier eine höchst intellektuelle Herangehensweise an die Aufgabenstellung. Er sieht seine Arbeit als einen philosophischen Diskurs.

Er erläutert die Funktionen und Bestandteile einer Stadt hinsichtlich des Städtebaus und versucht seine These daraus zu schließen. Seine These und der daraus resultierende Standpunkt ist der erste Ansatz für seinen Entwurf. Die philosophische und ästhetische Annäherung an die Aufgabe ist nachvollziehbar, eigenwillig und interessant.

Auf diesem Wege wollen wir ihm nochmal herzlich zu seiner erfolgreichen Bachelorarbeit gratulieren und wünschen ihm für seine Zukunft alles Gute!